Anfang April war unser Teamfahrer Alfred in Sochi, um die dortige Olympiabobbahn auf ihre Longboardtauglichkeit zu testen. Hier nun das versprochene Video samt ausführlichem Reisebericht und einer Menge Bilder.

3 Tage Schuss im Kaukasus

Nach meinem Sieg beim Beton on fire 2015 beim Aftershowgrillen fragte mich der Veranstalter Phillip Auerswald ob ich nicht Lust hätte die Olympiabobbahn in Sochi auf ihre Fahrtauglichkeit zu testen. Mit etwas Bier im Kopf platzte aus meinem Mund die Antwort: Ja klar, Ich komm mit. Schon bei der Nachhausefahrt am nächsten Tag grübelte ich über meine schnelle Entscheidung nach und kam zu dem Entschluss das ich ab und zu mehr nachdenken sollte bevor ich mein Sprachorgan benutze. Aber jetzt ist es schon zu spät und ich stehe zu meinem Wort. Die folgenden Wochen bis zum jüngsten Gericht rennen wie Marathonläufer an mir vorbei und eh ich es mich versehe sitze ich schon im Flieger nach Sochi wo ich am Flughafen erwartet werde.

Beim Aussteigen in Sochi laufen mir die, trotz Dämmerung heißen Außentemperaturen von 35 Grad sehr gut rein. Ein hoch auf Freiburg an dieser Stelle 😀

Ein klimatisierter SUV holt mich ab und bringt mich im Eiltempo zum Hotel welches direkt neben dem Eiskanal liegt. Nach etwa einer Stunde komme ich ordentlich geplättet im Hotel der Bobbahn an. Ab ins Bett, denn morgen wartet starker Tobak!

 

1. Tag in Sochi

Aufstehen und raus auf den Balkon. Ah so sieht es hier oben im Kaukasus Gebirge bei Tag aus, sehr nice! 30 Grad, strahlende Sonne und um mich rum hohe Berge die ruhig und zufrieden das Tal bewachen. Der Blick schweift nach links und da ist sie. Die Olympiabobbahn. Wie eine schlafende Schlange liegt sie am Hang eingebettet komplett umzäunt und alle 20 Meter ein Kamerabaum mit Bewegungsmelder. Auch im ganzen Hotel sowie Grundstück hängen Kameras wie Blüten der Pflanzen im Freiburger Frühling.

Auf zur Bahnbesichtigung!

Beim betreten des Eingangsbereiches werden alle Beteiligten ordentlich untersucht, durch nen Scanner geschickt und abgetastet. Die Taschen werden aufgemacht und der Reisepass geprüft. Danach bekommt man eine Karte die einen legitimiert das Bahngelände von Sochi zu betreten. Diese Prozedur wird übrigens jeden Tag beim Betreten sowie beim Verlassen statt finden. 😀 Danach wird mir noch ans Herz gelegt keine Betrunkenen zu filmen. OK?

Wenig später erzählt der Bahnchef stolz das die Bahn 150 Mitarbeiter beschäftigt, von denen 60 Leute als Sicherheitspersonal arbeiten. Kein Wunder das sich der Betrieb einer eigenen Kantine auf dem Bahngelände lohnt.

Bei der Bahnbegehung fällt mir sofort das beindruckende Gefälle der Bahn auf, das auch durch die 180 Grad Kurven nicht wirklich nachlässt. Auf jeden Fall schneller als Altenberg schießt es mir des öfteren durch den Kopf, und die Frage warum ich mir diesen Schwachsinn an tu. Auf die bei jeder Bobbahn üblichen Dehnungsfugen geh ich dieses mal nicht ein aber das die Strecke von einer 180 Grad Kurve in die nächste taucht sorgt schon ehr dafür das der Puls hoch geht.

Nach dem Begutachten vergeht die Zeit rasend schnell, umziehen Board schnappen und ab zum Start. Als ersten Startpunkt hab ich mir die fünft letzte Kurve vor der langen steilen Geraden ausgesucht, langsam genug um nicht gleich zu sterben aber schnell genug um Feeling für die Bahn zu bekommen. Gut das ich schon mal so ne Bahn ausprobiert hab den auch von dem grad beschriebenen Start hat man gleich mal 50 Km/h drauf. Geschafft, auf zu einer höheren Startposition zwei Kurven weiter oben. Von hier aus geht es schon mehr zur Sache da sich hier 180 Grad Kurven mit 15 bis 17% Gefälle befinden. Ab diesem Punkt fühlt man beim Fahren schon mehr G Kräfte und der Topspeed befindet sich bei etwa 60km/h. Etwa eine Minute später ist auch die zweite Abfahrt gemeistert und das Adrenalin schießt schon ganz gut durch die Arterien, aber das gewohnte Zittern das ich normalerweise bei schnellen Runs in Altenberg kenne ist noch nicht erreicht. Deswegen nochmal zwei Kurven hoch zum obersten Juniorenstart. Jetzt müssen vier 180er Sektionen bewältigt werden bevor der die lange Gerade vom ersten Versuch kommt. Grünes Licht, ein paar mal pushen und in die erste Links eintauchen und danach in die darauf folgende Rechts. Enorme G Kräfte entwickeln sich und nehmen zum Kurvenausgang zu, anders als in Altenberg wo die G Kräfte am Anfang am stärksten sind. Nach den ersten zwei Kurven donnere ich schon mit knapp 70 km/h in die nächste Links die mich dermaßen zusammen presst, dass ich mir vor komme wie ein Hackbrett das grad frisch laminiert in der Presse liegt. Obwohl schon ein paar mal gefühlt bleibt es unbeschreiblich das Gefühl. Direkt nach der Links wieder in ne scharfe Rechts, der Speed nimmt zu und nach nem entspannten Linksknick donnere ich mit knapp 80 km/h durch die lange Gerade in eine lang gezogene am Ende berg hoch verlaufene Linkskurve. Sehr verrücktes Shape und ordentlich G Kräfte. Kurze Chillphase in ner leichten Rechts und in die nächste Gerade die mich mit etwa 60 km/h in die letzten zwei Zielkurven feuert. Check, Hände zittern, körpereigene Drogen werden ausgeschüttet, Alfred im Glück 😀

Einen Run geb ich mir noch und dann aber raus aus dem Lederkombi und ab unter die Dusche. Mit der Dusche verschwindet die Anspannung und ein fettes Grinsen kommt zum Vorschein und verschwindet den ganzen Abend nicht.

2. Tag in Sochi

Wecker klingelt, Sonne lacht, wieder keine Wolke am Himmel und nebenan eine voll geniale Downhillbowl an die man sich gestern gewöhnt hat. Die übliche Anspannung steht mir zwar immer noch ins Gesicht geschrieben, aber die Routine und die Lust haben bei mir schon längst ein Feuer entzündet das von keinem Regen der Welt gelöscht werden kann. Beton on fire! 😀

Heute wird gefilmt und ausgetestet was die Bahn hergibt. Schnell durch die Eingangskontrolle und raus in die Umkleide.

In den nächsten 3 Stunden durchlebe ich Rauschgefühle die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen müssten, trotz Filmnerv freue ich mich wie ein kleines Kind über das riesige Betonspielzeug das mich mit viel Speed durch die Kurven jagt. Yeehaaaaaa! Nach fünf Runs ist die Power raus und der Muskelkater fängt an anzuklopfen.

Am Abend steht eine Taxifahrt in das etwa eine Stunde entfernte Sochi, ans Meer, ein bisschen die Gegend anschauen und dann was zu Abend essen.

Bei einem kalten Bier lass ich nochmal den Tag revue passieren und versuche zu begreifen das alles was die letzten 48 Stunden geschehen Wirklichkeit ist.

Zurück im Hotel in den Bergen angekommen fall ich sofort völlig fertig ins Bett.

Noch ein Tag zu überleben und dann am Montag heim in den schönen Schwarzwald geht mir noch durch den Kopf bevor ich die Augen schließe.

3. Tag in Sochi

Die letzte Schlacht, die Müdigkeit zieht sich durch ganzen Körper, überall Verspannungen und ungewohnte Unbeweglichkeit.

Heute nochmal alles in die Waagschale werfen, die letzten Filmaufnahmen machen und schön save die Lines treffen. Im Grundplan klingt das solide aber die Realität wirft den Plan mit einem russischen Kamerateam über den Haufen. Im Klartext heißt das: Nach den ersten zwei Kameraruns zwei Stunden ready im Leder bei 35 Grad° im Schatten warten bis die Inliner Ihre Interviews gemacht haben. Am Ende bekomme ich auch noch ein Interview welches aber im TV Beitrag nicht ausgestrahlt wird da meine Frisur alles andere als ins russisch konservative Bild passt. Peace! 😀 Danach geht es aber dann doch weiter und ich kann mit meinen letzten Kräften nochmals drei wunderbare Runs machen. Geschafft, genug Filmmaterial, gestoked und unverletzt verlasse ich das Bahngelände und packe schon mal meine sieben Sachen um morgen meine Heimreise an zutreten.

Abreise aus Sochi

Am morgen werde ich wieder von nem SUV an den Flughafen von Sochi gefahren. Nach dem Check in und ner gefühlten Ewigkeit des Wartens hebt das Flugzeug mit ner Stunde Verspätung in Sochi ab. Da die Verspätung nicht aufgeholt wird steht im Flughafen Moskau wieder nach dem Passieren der Ausweiskontrolle ein Sprint an. Beim Warten vor der Ausweiskontrolle fällt mir ein dünner blonder etwas geplätteter Kerl auf. Ich rufe kurz hey H. P. ! Der Mann dreht sich um und tatsächlich, es ist der Frontmann von Scooter der in Sochi ein Konzert gegeben hat und sich grad auf der Heimreise befindet. Eigentlich wollte ich ein Foto mit Ihm machen, aber ich muss ja meinen Anschlussflug nach Frankfurt bekommen. Verdammt! Etwas später im Flugzeug setz sich noch mehr Prominenz zu mir. Das deutsche Schwimmernationalteam befüllt die letzten freien Plätze im Flieger. In diesen paar Minuten sehe ich die schönsten und längsten Frauenbeine die ich bis jetzt in meinem Leben gesehen hab. Ein Traum! Ich glaub ich steh auf Schwimmerinnen 😀 In Frankfurt angekommen muss ich feststellen das die Hackbretttasche nicht mit gekommen ist. Nach einem kurzen Besuch im Gepäck Office trete ich ohne das Erde die Heimreise nach Freiburg an. Aber die Sachbearbeiterin versichert mir davor noch das 98% der verloren gegangenen Gepäckstücke zu ihrem Besitzer zurück finden. Nach etwa 2 Stunden im Zug komm ich gut fertig in Paradiesstadt an.

Erst Befahrung geglückt, Horizont erweitert, Mission erfolgreich abgeschlossen.

 

Grüße an alle Soulsurfer!

 

Mr. Dennis Alfred Wangler